Während die Märkte trotz geopolitischer Turbulenzen relativ ruhig bleiben, könnten Veränderungen der wirtschaftlichen und technologischen Struktur der Welt weitreichendere Auswirkungen haben.
Auf den ersten Blick wirken die Märkte angesichts des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten bemerkenswert widerstandsfähig. Trotz eines deutlichen Anstiegs der Ölpreise und einer länge als erwarteten Dauer des Konflikts notieren die Aktienmärkte weiterhin nahe ihrer Höchststände, die Kreditspreads haben einen Großteil ihrer vorherigen Ausweitung wieder wettgemacht, und die Anleger rechnen weiterhin mit sinkenden Zinsen – zumindest in den USA – im weiteren Verlauf des Jahres.
Dies mag auf den ersten Blick wie Sorglosigkeit oder Selbstzufriedenheit erscheinen, spiegelt jedoch vielmehr wider, wie die Märkte Risiken verarbeiten und einpreisen. Gleichzeitig bildet dies die Grundlage dafür, wie wir diese Krise und ihre möglichen Entwicklungen in den kommenden Monaten beurteilen.
Kontinuierliche Neubewertung
Zu Beginn des Konflikts lag es nahe, nach einem klar definierten Endpunkt zu suchen – nach einer eindeutigen Lösung. Die Märkte warten jedoch nicht auf ein solch präzises Ergebnis. Stattdessen bewerten sie den sich entwickelnden und wahrscheinlichen Verlauf der Ereignisse fortlaufend und in Echtzeit neu.
Für die Märkte ist nicht nur das Ausmaß eines Schocks entscheidend, sondern auch dessen Beständigkeit und Richtung. Eine kurzfristige Störung, selbst wenn sie gravierend ist, kann häufig mit begrenzten langfristigen Auswirkungen absorbiert werden – vorausgesetzt, die Anleger sind davon überzeugt, dass sich die Lage verbessert. Wie Abbildung 1 zeigt, führten jüngere Marktverwerfungen – von der COVID-19-Pandemie bis zu den Trump-Zöllen vom April 2025 – zunächst zu Rückgängen im S&P 500, bevor dieser seinen Aufwärtstrend rasch wieder aufnahm. Ein Schock hingegen, der anhält und für den kein klarer Weg zur Lösung erkennbar ist, kann deutlich weitreichendere Folgen für Wirtschaftswachstum, Inflation und die Bewertung von Vermögenswerten haben.
Abbildung 1: Resilienz gegenüber Marktschocks
S&P 500 2019-2026
Quelle: Bloomberg, Stand Mai. 2026
Die Märkte haben bislang vor allem auf die Preiseffekte des Konflikts reagiert. Aufgrund der im System vorhandenen zeitlichen Verzögerungen – Öl, das derzeit in vielen Regionen verbraucht wird, wurde bereits vor der Eskalation des Konflikts verschifft – sind die Auswirkungen auf das physische Angebot bislang noch nicht sichtbar. Sollte der Konflikt jedoch anhalten, dürfte sich der Schwerpunkt von preisgetriebenen Effekten hin zu tatsächlichen Angebotsengpässen verlagern, insbesondere in ölimportierenden Regionen. In diesem Fall wären die wirtschaftlichen Folgen deutlich spürbarer und gravierender.
Die höheren Energiepreise wirken sich bereits auf Verbraucher und Unternehmen aus, doch tatsächliche Versorgungsengpässe bei Öl hätten weitaus schwerwiegendere Folgen. So haben Fluggesellschaften weltweit aufgrund der steigenden Kosten bereits damit begonnen, ihre Kapazitäten zu konsolidieren. In einem Umfeld mit begrenztem Angebot wäre hingegen mit umfangreichen Flugstreichungen zu rechnen.
Die Märkte bewerten außerdem Risiken zweiter Ordnung. Anhaltend hohe globale Ölpreise könnten verschiedene Folgen haben. Einerseits könnten sie zu steigenden US-Exporten führen, da Produzenten versuchen, von den höheren Weltmarktpreisen zu profitieren. Dies würde das inländische Angebot verknappen und zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Energiepreise in den USA ausüben. Andererseits könnten die US-Politikverantwortlichen versuchen, die Auswirkungen auf die Verbraucher zu begrenzen, insbesondere vor dem Hintergrund der im November anstehenden Zwischenwahlen.
Dadurch könnte eine stärker nach innen gerichtete Politik entstehen, bei der die heimische Energiesicherheit Vorrang erhält. Ein solches Szenario würde die Exporte einschränken, Versorgungsengpässe in anderen Regionen verschärfen und zusätzlichen Gegenwind für ölimportierende Volkswirtschaften schaffen – insbesondere in Europa und Teilen Asiens.
Letztlich sind die Dauer des Konflikts und die damit verbundenen Folgen von entscheidender Bedeutung. Eine kurzfristige Unterbrechung dürfte wahrscheinlich beherrschbar bleiben; ein lang anhaltender Konflikt hingegen hätte deutlich weitreichendere Auswirkungen.
Relative Ergebnisse
Ein weiterer Grund dafür, dass die Märkte bislang vergleichsweise gelassen reagiert haben, liegt darin, dass Anleger Entwicklungen in relativen Maßstäben beurteilen. Die Bedingungen haben sich im Vergleich zur Zeit vor dem Konflikt zwar eindeutig verschlechtert, sind jedoch nicht so gravierend ausgefallen, wie viele ursprünglich befürchtet hatten.
Da etwa 20 % der weltweiten Öl- und Flüssigerdgasströme (LNG) die Straße von Hormus passieren, ist bereits ein bedeutender Teil des Angebots beeinträchtigt worden, und strategische Reserven wurden teilweise aufgebraucht. Daher ist es selbst bei einer raschen Beilegung des Konflikts unwahrscheinlich, dass die Preise wieder auf das Niveau vor Ausbruch des Konflikts zurückkehren.
Ein Ölpreis im Bereich von 90 US-Dollar – wo er sich unserer Einschätzung nach plausibel einpendeln könnte – liegt deutlich über dem Vorkriegsniveau von 65 bis 70 US-Dollar, jedoch weit unter den Höchstständen von nahezu 120 US-Dollar, die in den extremsten Phasen dieses Konflikts erreicht wurden (siehe Abbildung 2). Derzeit scheinen die Märkte bereit zu sein, sich an dieser relativen Verbesserung zu orientieren und ihre Erwartungen entsprechend auszurichten.
Abbildung 2: Rohölpreis im Überblick
Ölpreis je Barrel in den vergangenen sechs Monaten (US-Dollar)
Quelle: Bloomberg, Stand Mai. 2026
Auch die Unternehmensfundamentaldaten wirken derzeit als wichtiger stabilisierender Faktor, wobei sowohl in den USA als auch in Asien ein robustes Gewinnwachstum zu verzeichnen ist. In den USA bleiben Technologieunternehmen die treibende Kraft, unterstützt durch anhaltend hohe Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) und digitale Infrastruktur. Auch in Asien gewinnt die Gewinndynamik an Stärke, insbesondere bei Unternehmen aus den Bereichen Halbleiter, moderne Fertigungstechnologien und KI-nahe Geschäftsfelder, die eng in die globale Technologieschöpfungskette eingebunden sind. Diese Widerstandsfähigkeit trägt dazu bei, die breiteren Aktienmärkte zu stabilisieren und zu stützen.
An den Kreditmärkten zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Risikoaufschläge (Spreads) weiteten sich zunächst mit dem Anstieg der Unsicherheit aus, haben jedoch inzwischen einen Großteil dieser Bewegung wieder zurückgenommen. Mit Blick nach vorn gehen wir jedoch davon aus, dass die Differenzierung zunehmen wird. Besonders anfällig für anhaltend hohe Energiekosten sind stärker konsumabhängige Unternehmen sowie Emittenten mit geringerer Bonität, da steigende Energiekosten die Kaufkraft der Verbraucher nach und nach schmälern. Damit ist erneut die Dauer der Entwicklung der entscheidende Faktor, und wir werden die entsprechenden Trends weiterhin aufmerksam beobachten.
Derzeit scheinen die Märkte mit der aktuellen Entwicklungsrichtung zufrieden zu sein. Obwohl der Konflikt länger anhält als ursprünglich erwartet, wird er weiterhin als ein Geschehen betrachtet, das sich auf eine Lösung zubewegt. Der Ausblick für den weiteren Jahresverlauf hängt davon ab, ob diese Annahme Bestand hat oder infrage gestellt wird. Sollte sich die Richtung ändern und der Konflikt zunehmend verfestigen, wären die Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum, Inflation und die Bewertung von Vermögenswerten deutlich gravierender.
Zentralbanken in der Zwickmühle
Kurzfristig führen höhere Energiepreise zwar zu einem Anstieg der Inflation. Mit der Zeit wirken dauerhaft hohe Ölpreise jedoch eher wie eine zusätzliche Belastung für Verbraucher und Unternehmen, da sie die Kaufkraft schmälern, die Nachfrage dämpfen und das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Diese Entwicklung kann einen Teil des anfänglichen Inflationsdrucks wieder ausgleichen. Dadurch steigt das Risiko eines stärker „stagflationären“ Umfelds, das durch eine Kombination aus höheren Preisen und schwächerem Wirtschaftswachstum gekennzeichnet ist.
Die geldpolitischen Entscheidungsträger sind sich der Risiken sehr bewusst, die entstehen, wenn auf angebotsbedingte Inflation zu mechanisch reagiert wird – insbesondere in einem Umfeld, in dem das Wirtschaftswachstum ohnehin bereits fragil ist (siehe Abbildung 3). Eine Anhebung der Zinsen als Reaktion auf einen vorübergehenden Schock, die später wieder rückgängig gemacht werden müsste, könnte die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken gefährden.
Abbildung 3: Wachstum unter Druck
BIP-Prognose 2026
Quelle: Bloomberg, Stand April. 2026
In den USA spielt das Doppelmandat der Notenbank eine entscheidende Rolle. Zwar hat der Inflationsdruck zugenommen, gleichzeitig beginnt die Dynamik am Arbeitsmarkt jedoch nachzulassen. In Europa und im Vereinigten Königreich ist die Lage noch komplexer, da schwächeres Wirtschaftswachstum und eine stärkere Abhängigkeit von Energieimporten die Zielkonflikte zusätzlich verschärfen.
Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die Zentralbanken weiterhin vorsichtig vorgehen und auf eindeutigere Signale warten werden, bevor sie wesentliche Anpassungen ihrer Geldpolitik vornehmen. Dies deutet darauf hin, dass die Markterwartungen hinsichtlich möglicher Zinserhöhungen – insbesondere im Vereinigten Königreich und in Europa – möglicherweise zu pessimistisch sind.
Ein sich wandelnder globaler Ordnungsrahmen
Während sich die unmittelbare Aufmerksamkeit auf den Konflikt richtet, ist es ebenso wichtig, die umfassenderen strukturellen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.
Über viele Jahre hinweg basierte das globale Wirtschaftssystem auf Effizienz – auf finanzgetriebenem Wachstum und Lieferketten, die konsequent auf Kostenminimierung optimiert waren. Das reibungslose Funktionieren der Weltwirtschaft wurde dabei weitgehend als selbstverständlich angesehen. Wie wir jedoch bereits in einem kürzlich veröffentlichten Standpunkt dargelegt haben, sind wir der Ansicht, dass sich dieses Umfeld inzwischen verändert. Dieser Wandel dürfte erhebliche Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung der globalen Wirtschaft haben.2
Wir beobachten einen Wandel von einem „Just-in-Time“-Liefermodell hin zu einem Ansatz, der stärker auf „Versorgungssicherheit“ ausgerichtet ist. Auch wenn dies die Widerstandsfähigkeit erhöhen kann, ist ein solches Modell von Natur aus weniger effizient und dürfte langfristig die Produktivität und Rentabilität belasten. Dies hat wichtige Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum, Inflation und Bewertungen an den Finanzmärkten.
Gleichzeitig vollzieht sich dieser Übergang in einer Phase tiefgreifender technologischer Veränderungen, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Das Zusammenspiel von politischer Fragmentierung und technologischem Fortschritt könnte in den kommenden Monaten und Jahren zu einem prägenden Merkmal der Investmentlandschaft werden.
Portfoliopositionierung
Vor diesem Hintergrund verfolgen wir bei der Portfoliokonstruktion einen evolutionären statt eines revolutionären Ansatzes. Diversifikation bleibt dabei von zentraler Bedeutung.
In einer Welt mit größerer Unsicherheit können immer weniger Annahmen mit hoher Zuversicht getroffen werden. Dadurch gewinnt die Resilienz eines Portfolios gegenüber unterschiedlichsten möglichen Entwicklungen und Szenarien zunehmend an Wert.
Der Schlüssel liegt daher in der Balance zwischen Widerstandsfähigkeit und Selektivität: einer breiten Diversifikation kombiniert mit gezielten Engagements in Bereichen, die von nachhaltigen Investitionen und nicht von kurzfristigen Marktstimmungen getragen werden. Ziel ist es, Portfolios zu schaffen, die unter unterschiedlichen Szenarien robust bleiben und gleichzeitig die Chancen nutzen, die sich aus dem strukturellen Wandel ergeben.
Fazit
Unserer Einschätzung nach wird die Entwicklungsrichtung der Ereignisse in den kommenden Monaten der wichtigste Treiber für die Märkte sein. Derzeit sind die Märkte bereit, die aktuellen Störungen weitgehend auszublenden. Sollten sich Anzeichen einer Stabilisierung im Nahen Osten zeigen und ein glaubwürdiger Weg zu einer Lösung erkennbar werden, könnte sich die Widerstandsfähigkeit der Märkte trotz hoher Preise und anhaltender Unsicherheit fortsetzen. Diese Bereitschaft ist jedoch nicht unbegrenzt. Sollte sich der Konflikt ohne erkennbare Fortschritte weiter hinziehen oder sollten sich Angebotsengpässe zu tatsächlichen Versorgungsdefiziten entwickeln, dürfte sich die Marktstimmung deutlich stärker eintrüben.
Gleichzeitig befindet sich die Weltwirtschaft in einem umfassenderen strukturellen Umbruch. Die Grundlagen des globalen Wirtschaftsmodells, das über Jahrzehnte hinweg auf Effizienz und Integration aufgebaut wurde, werden derzeit neu gestaltet.
In einer Welt, die gleichermaßen von zyklischer Unsicherheit und tiefgreifendem strukturellem Wandel geprägt ist, werden Anpassungsfähigkeit und ein diszipliniertes aktives Management entscheidend sein.