Politische und makroökonomische Unsicherheiten stärken die Argumente für selektive, hochwertige Anleihen. Wir betrachten Chancen entlang der gesamten Zinskurve.
Anleihen sind weiterhin gut positioniert, um in einem Umfeld erhöhter Unsicherheit Mehrwert zu liefern. Flexibilität, Disziplin und aktive Titelauswahl sind entscheidend, um die zunehmende Streuung zu nutzen und Chancen zu erschließen. Politische und makroökonomische Unsicherheiten dürften bestehen bleiben und sprechen für hochwertige Allokationen sowie einen selektiveren Ansatz.
Im Kreditmarkt bleiben die Fundamentaldaten insgesamt konstruktiv, auch wenn die aktuell engen Bewertungsniveaus die Anforderungen an die Titelselektion erhöhen. Die zunehmende Spreaddifferenzierung zwischen Emittenten unterstreicht die Bedeutung einer aktiven und selektiven Anlagepolitik. Für Investoren bleibt die Schlussfolgerung klar: Die weiterhin attraktiven Renditeniveaus sollten genutzt, das Anlageuniversum gezielt erweitert und hochwertige Allokationen entlang der Zinskurve bevorzugt werden. In einem Marktumfeld wie dem heutigen wird Flexibilität zunehmend zu einem entscheidenden Differenzierungsmerkmal.
Unsicherheit treibt die Märkte
Unsicherheit bleibt das dominierende Thema an den Märkten und wird vor allem durch die Inflation, den Arbeitsmarkt und den sich wandelnden Kurs der Geldpolitik der US-Notenbank (Fed) bestimmt. Seit Jahresbeginn hat sich nicht nur das Ausmaß dieser Einflussfaktoren verändert, sondern auch ihre Richtung.
Zu Beginn des Jahres 2026 ließen eine nachlassende Inflation und ein sich abschwächender Arbeitsmarkt Spielraum für Zinssenkungen. In den vergangenen sechs Monaten haben sich diese Entwicklungen jedoch umgekehrt, wodurch das Umfeld für Anleiheinvestoren komplexer und weniger vorhersehbar geworden ist.
Wesentliche Einflussfaktoren des Wandels:
- Anhaltender Inflationsdruck. Die Rückkehr der Inflation in Richtung Zielniveau verläuft zunehmend schleppend. Nachlaufende Zolleffekte, höhere Energiepreise und eine robuste Dienstleistungsinflation sprechen für einen länger erhöhten Inflationspfad. Insbesondere die Entwicklungen im Nahen Osten könnten den Inflationsdruck verstärken und die Unsicherheit hinsichtlich des geldpolitischen Ausblicks erhöhen.
- Ein sich stabilisierender Arbeitsmarkt. Frühere Sorgen über einen Anstieg der Arbeitslosigkeit haben nachgelassen, wodurch die Dringlichkeit geldpolitischer Lockerungen gesunken ist. Ohne eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsmarktbedingungen ist einer der wichtigsten Auslöser für Zinssenkungen weggefallen.
- Neubewertung der Geldpolitik. Vor dem Hintergrund eines anhaltenden Inflationsdrucks hat sich auch die Einschätzung des geldpolitischen Ausblicks spürbar verändert. Während die Märkte noch zu Jahresbeginn von weiteren Zinssenkungen ausgingen, wird mittlerweile ein längerer Zeitraum restriktiver Geldpolitik erwartet. Auch das Risiko erneuter Zinserhöhungen ist wieder stärker in den Fokus gerückt. Die Ernennung von Kevin Warsh zum neuen Vorsitzenden der US‑Notenbank erhöht zusätzlich die Unsicherheit hinsichtlich des langfristigen geldpolitischen Kurses. Gleichzeitig zeigt die historische Erfahrung, dass Anleihen über vollständige Zinszyklen hinweg häufig eine attraktivere risikoadjustierte Rendite erzielt, haben als Liquidität – selbst in Phasen steigender Zinsen. Deshalb bleiben die aktuellen Renditeniveaus aus Investorensicht attraktiv (Abbildung 1).
- Das Ergebnis: Veränderte Marktbewertungen. Eine flachere Zinskurve spiegelt die Neubewertung geldpolitischer Erwartungen wider, wobei die kurzfristigen Zinssätze stärker gestiegen sind als die langfristigen. Obwohl der Zeitpunkt weiterhin ungewiss bleibt, haben die Märkte ihre Erwartungen von Zinssenkungen auf die Aussicht weiterer geldpolitischer Straffungen verlagert.
Abbildung 1: Über den gesamten Zyklus hinweg schneiden Anleihen besser ab als Cash
Relative jährliche Gesamterträge (%): Anleihen gegenüber Cash in verschiedenen geldpolitischen Regimen der US-Notenbank (Fed) (1978–2026)
Quelle: Bloomberg Finance LP. Anleiherenditen: Gesamterträge des US Aggregate Index (1978–2026); Renditen liquider Mittel: 3‑Monats-US-Staatsanleihen (Treasury Bills) (1978–2026). Analyse von Columbia Threadneedle Investments. Stand der Daten: 26. Mai 2026.
Globale Divergenz: Ein ungleichmäßiger Energieschock
Die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten haben einen ungleichmäßigen Energieschock ausgelöst. Europa und Teile Asiens sind davon stärker betroffen, während die USA als Nettoenergieexporteur profitieren. Das Ergebnis ist eine zunehmende Divergenz: Die Zinsen sind in Europa stärker gestiegen, und einige asiatische Volkswirtschaften waren gezwungen, ihre Währungen durch eine restriktivere Geldpolitik oder direkte Interventionen zu stützen.
Diese Divergenz verändert das Chancenuniversum und verlagert den Fokus von einer breiten Zinsexponierung hin zu einer selektiveren Positionierung. Unterschiede in den geldpolitischen Pfaden und der Marktbewertung führen zu einer größeren Bandbreite möglicher Entwicklungen und schaffen damit zusätzliche Chancen für aktive Anleihemanager.
Kreditmärkte: Stabil und unterstützend
Trotz zwischenzeitlich erhöhter Volatilität werden die Kreditmärkte weiterhin von einer soliden technischen Nachfrage und einer robusten Investorennachfrage unterstützt. Die Fundamentaldaten der Unternehmen bleiben insgesamt widerstandsfähig, gleichzeitig bewegen sich die Bewertungen nahe historisch enger Spreadniveaus. Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die Frage, wie lange sich Kreditmärkte einer möglichen Neubewertung des Zinsumfelds entziehen können.
Im Investment-Grade-Segment erscheint das Potenzial für eine weitere Spreadverengung begrenzt, wodurch die Bedeutung einer gezielten und selektiven Positionierung weiter zunimmt. Attraktive Opportunitäten sehen wir insbesondere in Marktsegmenten, die vergleichbare Renditeniveaus bieten, jedoch eine geringere Sensitivität gegenüber Spreadbewegungen aufweisen.
Gleichzeitig verändert der durch Künstliche Intelligenz getriebene Investitionszyklus die Dynamik der Kreditmärkte. Große, finanziell solide Unternehmen nutzen vermehrt den Kapitalmarkt, um umfangreiche Infrastrukturinvestitionen zu finanzieren. Dies führt zu einem höheren Emissionsvolumen, einer stärkeren Differenzierung zwischen Emittenten und einer Nachfrage, die zunehmend auf strukturellen Faktoren und weniger auf spekulativen Marktbewegungen beruht.
In diesem Umfeld reicht eine breite Kreditmarktallokation allein nicht mehr aus. Der Mehrwert entsteht zunehmend durch eine aktive Selektion über Emittenten, Kapitalstrukturen und Relative-Value-Opportunitäten hinweg.
Streuung schafft Chancen
Die zunehmende Streuung innerhalb der Märkte schafft ein attraktiveres Umfeld für aktive Titelauswahl. Obwohl das makroökonomische Umfeld insgesamt weiterhin unterstützend ist, unterstreichen die engen Spreads die Notwendigkeit eines selektiven Ansatzes.
Fehlbewertungen zwischen vergleichbaren Anlagen mit ähnlicher „Qualität“ verdeutlichen ein erweitertes Chancenuniversum, da hochwertige Anleihen inzwischen über traditionelle Investment-Grade-Unternehmensanleihen hinausgehen. So können ausgewählte verbriefte Wertpapiere – beispielsweise AAA-bewertete Non-Agency-Strukturen – attraktivere Renditen bieten als Unternehmensanleihen mit niedrigerer Bonität. Dies unterstreicht den Vorteil einer breiteren Diversifikation, ohne dabei die notwendige Disziplin bei der Titelauswahl zu vernachlässigen (Abbildung 2).
Abbildung 2: Wenn Qualität mehr Rendite bietet
Spreads von Non-Agency-Hypotheken gegenüber Unternehmensanleihen nach Bonitätsrating (Basispunkte, %)
Quelle: Bloomberg Finance LP; Wells Fargo & Company; Analyse von Columbia Threadneedle Investments. Non-QM steht für „Non-Qualifying Mortgage“ (nicht qualifizierte Hypothek). Stand der Daten: 24. April 2026.
Diese Faktoren weisen auf spezifische Chancen innerhalb des Anleihenmarktes hin.
- Leveraged loans. Gegenüber anderen Spread-Produkten erscheinen Leveraged Loans weiterhin attraktiv bewertet. Die Besicherung bietet zusätzlichen Gläubigerschutz, während die variabel verzinste Struktur zu einem attraktiven risikobereinigten Ertragsprofil beiträgt und die Zinssensitivität begrenzt.
- Consumer ABS / Non-agency. Verbraucher mit höherem Einkommen zeigen sich weiterhin robust, wodurch attraktive risikobereinigte Chancen in sorgfältig ausgewählten AAA-/AA-bewerteten Non-Agency-Hypotheken oder Consumer-ABS-Anlagen mit starken strukturellen Schutzmechanismen entstehen.
- Internationale Anleihen. Nicht-US-amerikanische Investment-Grade-Anleihen bieten eine attraktive Kombination aus höheren Spreads und geringerer Duration. Gleichzeitig weisen sie eine geringere Konzentration im Technologiesektor und eine stärkere Ausrichtung auf Sachwerte- und Infrastrukturbranchen auf.
- Kommunalanleihen. Die Fundamentaldaten bleiben solide, auch wenn die Spreads eng sind. Wir bevorzugen Sektoren mit langfristiger struktureller Unterstützung, wie das Gesundheitswesen und Seniorenwohnanlagen, und bleiben gleichzeitig selektiv in Bereichen, die mit strukturellem Gegenwind konfrontiert sind, wie beispielsweise dem Hochschulwesen.
Risiken im Blick
Mit Blick nach vorn beobachten wir mehrere Risiken genau:
- Bewertung. Die engen Spreads in vielen Marktsegmenten machen die Märkte anfällig für Neubewertungen und erhöhte Volatilität.
- Enttäuschendes Wachstum. Anhaltend hohe Rohstoffpreise könnten den Konsum und die Unternehmensmargen belasten. Sollte sich das Arbeitseinkommen weiter abschwächen, würde dies das Risiko eines schwächeren Wirtschaftswachstums erhöhen.
- Ereignisbedingte politische Unsicherheit. Der neue Vorsitzende der US-Notenbank sowie die US-Zwischenwahlen im November könnten die geldpolitischen Erwartungen über das Jahr 2026 hinaus verändern.
- KI-bedingte Disruption. Durch künstliche Intelligenz ausgelöste Veränderungen könnten die Kreditfundamentaldaten in verschiedenen Sektoren beeinflussen, wobei einzelne Marktbereiche überbewertet oder unterschätzt werden könnten.
Fazit
Die Marktstimmung hat sich zur Jahresmitte deutlich verändert. Die Erwartungen an Zinssenkungen sind einer restriktiveren Haltung gewichen, da sich die politischen Entscheidungsträger auf die Eindämmung der Inflation konzentrieren und bei Bedarf für weitere Straffungsmaßnahmen offenbleiben. Gleichzeitig hat sich die Unsicherheit erneut als prägende Kraft an den Märkten etabliert, angetrieben durch das Zusammenspiel von Inflation, Arbeitsmarkt und geldpolitischem Kurs.
Dieses komplexere Umfeld hat das Chancenuniversum für Anleiheinvestoren erweitert. Die Ausgangsrenditen bleiben attraktiv, und die Definition von Qualität reicht mittlerweile über traditionelle Anlageklassen hinaus. Dies bestärkt unsere konstruktive Einschätzung für Anleihen und spricht für selektive, hochwertige Allokationen entlang der gesamten Zinskurve.